Ist ein Zirkus heutzutage noch attraktiv genug für Jugendliche? Definitiv, findet der 18-jährige Ivan Knie, achte Generation der Zirkusfamilie Knie, Sohn von Géraldine und Enkel von Freddy Junior Knie. Er liebt die Arbeit mit den Pferden und das Auftreten als Zirkusartist. Doch wie einfach ist es, die hohen Erwartungen des Publikums zu erfüllen?

Morgens um 9:00 Uhr treffe ich bei der Reithalle in Rapperswil ein. Vom Zuschauerraum gibt es eine freie Sicht in die Halle. Ivan steht bereits zwischen den Pferden und trainiert für das Zirkusfestival in Monte Carlo. Die Jubiläumstournee des Circus Knie zum 100–jährigen Bestehen ist inzwischen beendet, die ersten Details zur Tournee 2020 bereits verraten. Der junge Zirkusartist lässt sich Zeit mit den Pferde, bevor er mich in Empfang nimmt. Er sehnt sich nach einem Kaffee, sieht aber nicht aus, als sei er soeben aufgestanden.

Bildquelle: Nicole Bökhaus
Ivan Knie, Sohn der Zirkusprinzessin Géraldine Knie

Ich konnte dir eben ein wenig beim Trainieren zuschauen. Seit wann stehst du im Sägemehl?

I: Erst seit 8 Uhr. Es ist wichtig, dass die Pferde den ganzen Tag unterhalten werden. Wir wollen nicht, dass ihnen langweilig wird. Morgens um 6 Uhr beginnt der Tag mit der ersten Fütterung und Pflege. Danach werden die Pferde für das Training vorbereitet. Um acht Uhr beginnen die Trainingsstunden.

Während des Interviews blickt Ivan immer wieder kurz in die Halle. Es dauere lange, bis der Mensch eine enge Beziehung zum Pferd aufbauen könne. Mit einem Schmunzeln zeigt er auf den Hengst, der vor den anderen Pferden trabt. Er sei die Diva der Gruppe. Sobald Ivan den anderen Hengsten mehr Aufmerksamkeit schenke, werde er eifersüchtig.

Hast du zu allen Pferden einen engen Draht?

I: Nein, ich habe nicht zu allen Pferden die gleiche Beziehung. Trotzdem habe ich sie alle in mein Herz geschlossen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Pferde ähneln dem Menschen.

Genau wie Menschen, sind auch Pferde nicht alle gleich.

Was lernst du von den Pferden?

I: Selbstkontrolle und Geduld. Wer mit Tieren arbeitet, braucht Selbstkontrolle. Ziel ist es, dass das Pferd gerne trainiert, ohne überfordert oder gestresst zu sein. Das Training soll Spass machen. Sobald ich den Stress bemerke, muss ich reagieren, indem ich zum Beispiel eine einfachere Aufgabe gebe oder die Übung beende.
Bei manchen Pferden dauert der Arbeitsprozess länger als bei anderen. Da gilt es, Ruhe zu bewahren und geduldig zu bleiben. Nicht alle Pferde sind für jede Übung gemacht.

In den Medien ist öfters vom Motto der Familie Knie die Rede: Immer 100% geben!

I: Mehr sogar. 200, 300% Minimum.

Ist dieses Motto umsetzbar?

I: Es muss! Unsere Familie hängt von diesem Motto ab! Wir müssen immer Vollgas geben. An manchen Tagen ist das schwieriger als an anderen, da hast du Recht. Wichtig ist trotzdem, dass du dein Allerbestes gibst.

Das Publikum erwartet vollen Einsatz. Und den müssen wir geben.

Bildquelle: Katja Stuppia
Ivan Knie, während er die Ungarische Post präsentiert

Wie machst du das? Wie gehst du mit diesem Druck um, stets das Maximum geben zu müssen?

I: Für mich ist es kein Druck, mit dem ich umgehen muss.  Während meiner Schulzeit lernte ich auf sehr spielerische Art und Weise die Zirkuswelt kennen. Und das ist wichtig. Ein Kind soll die Kindheit geniessen dürfen. Nach der obligatorischen Schulzeit wurde ich gefragt, ob ich beim Zirkus bleiben oder einen anderen Beruf ausüben wolle. Ich hatte die Wahl. Ich wusste, dass wenn ich bleiben würde, ich dann stets 100% geben müsste.

Im Zirkus kannst du dir keine halben Sachen leisten.

Während des Trainings gibt es Tage, an denen ich mit dem falschen Fuss aufstehe, doch dies gibt mir kein Recht, meine Frust bei den Pferden raus zu lassen. Sie können nichts dafür, dass ich nervös oder schlecht gelaunt bin.

Hattest du genug «Vergleichsmaterial» um dich für den Zirkus, und nicht einen anderen Beruf, zu entscheiden

I: Während der Tournee fand der Unterricht in einem Zirkuswagen statt. Im Winter ging ich an eine öffentliche Schule. Bevor ich mich für das Zirkusleben entschied, lernte ich verschiedene Berufe kennen. Doch kein Beruf hat mir so gut gefallen wie es mein jetziger tut.

Hast du Kontakt zu Gleichaltrigen, die nicht in der Zirkusbranche arbeiten?

I: In der öffentliche Schule lernte ich viele Gleichaltrige kennen, die nichts mit dem Zirkus am Hut hatten. Mit einigen von ihnen habe ich heute noch Kontakt. Manchmal gehen wir Artisten nach der Zirkus Vorstellung etwas mit den Zuschauern trinken. So knüpfen wir manchmal auch neue Kontakte.

Gehen viele Jugendliche in den Zirkus?

I: Ja! Natürlich, Zeiten ändern sich. Die Tiernummern mit Elefanten oder Giraffen gibt es nicht mehr.  Das Kulturangebot wird grösser.

Heute gehen viele Jugendliche in Clubs, Kinos oder besuchen Open Airs. Trotzdem bin ich überzeugt, dass noch immer viele Jugendliche in den Zirkus gehen, weil man dort Dinge sieht, die man ansonsten nirgendwo sieht. Man kann mit allen Sinnen geniessen. Im Zirkus kannst du den Alltag für einen kurzen Moment vergessen.

Der Zirkus ist ein Kulturgut. Das merken auch Jugendliche, davon bin ich überzeugt!

Bei Gleichaltrigen beliebt, doch dich lässt es kalt: Social Media. Wie kommt es dazu?

I: Zum einen bin ich lieber unter Freunden und Pferden und zum anderen habe ich keinen Schimmer, wie ich einen Account führen soll. Ich habe einen Instagram und Facebook Account. Alle hundert Jahre poste ich mal ein Foto.
Viktor Giacobbo wollte unbedingt, dass ich mir Twitter herunterlade. Doch ich bin ein hoffnungsloser Fall. Vielleicht brauche ich einfach einen Social Media Manager, damit meine Accounts aktiv betreut werden.
Ich lese jedoch jeden einzelnen Kommentar. Es ist schön zu sehen, dass wir Zirkusartisten nicht nur in der Manage, sondern auch auf Social Media begeistern.

Viktor Giacobbo hat versucht, mich in die Social Media Welt einzuführen – vergeblich!

Was erhoffst du dir in Zukunft?

I: Viele Zirkusse werden in den gleichen Topf geworfen. Wenn man das Wort «Zirkus» hört, denkt man, das sei nur etwas für Kleinkinder und bestehe aus Clowns mit unlustigen Witzen. So entstehen schnell Vorurteile den Zirkussen gegenüber. Als Zirkus kannst du es dir nicht leisten, schlechte Vorstellungen zu präsentieren. Schlechte Nummern bedeuten heutzutage den Ruin.

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft noch mehr Besucher faszinieren und in den Bann reissen können.

Was ist für dich eine «schlechte Vorstellung»?

I: In einem Satz: Wenn seit hundert Jahren immer die gleiche Vorstellung gezeigt wird.
Das Publikum will immer wieder etwas Neues sehen. Wieso sollen sie sonst unser Zirkuszelt betreten? Als Zirkus muss du attraktiv bleiben und das ist bei vielen Zirkussen leider nicht der Fall.

Was ist mit den Pferdenummern, die ihr jährlich präsentiert?

I: Die Pferdenummer ist eine Tradition und gehört zum Zirkus Knie einfach dazu. Nebst dem Grundbaustein werden wir anhand der Musik, der Technik, der Kostümen und Effekten immer moderner. Dieses Jahr sind wir zum 100–jährigen Jubiläum in einem neuen Zirkuszelt dahergekommen.

Was unterscheidet der Zirkus Knie von anderen Zirkussen?

I: Die Entwicklung. Wir gehen mit der Zeit. Vom Technischen bis hin zu den Nummern. Jedes Jahr lassen wir uns etwas Neues einfallen. Dieses Jahr waren es unsere Special Guests Viktor Giacobbo und Mike Müller. Nächstes Jahr wird die Motorrad Nummer ein grosses Highlight im Programm werden. Es ist unglaublich wichtig, dass wir immer ein neues Konzept liefern. Das ist definitiv ein Punkt, der uns von anderen Zirkussen unterscheidet.

Du redest bereits von der Tournee 2020. Wann beginnt ihr mit der Planung einer Tournee?

I: Die Planung eines Programmes beginnt bereits zwei bis drei Jahr im Voraus. Es finden laufend Gespräche mit potenziellen Artisten statt, mit denen wir uns eine Nummer vorstellen können. Momentan befassen wir uns mit der Technik, da es nächstes Jahr viele technische Neuerungen geben wird. Wir hoffen, dass alles gut funktioniert und unser Material bis im Februar eintrifft.

Letzte Frage… Sei ehrlich, wie gerne führst du Interviews?

I: Ungern!

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, bevor er zu lachen beginnt und hinzufügt:

I: Das Geben von Interviews gehört einfach nicht zu meinen Stärken.

Ich hoffe, du hattest trotzdem ein wenig Spass, hier mit mir zu sitzen…

I: Definitiv, dadurch habe ich eine Pause bekommen.

Ob das der einzige Grund sei, frage ich amüsiert. Er grinst.

I: Nein natürlich nicht. Bei Talkshows fühle ich mich nicht besonders wohl. Aber so wie heute… gemütlich auf dem Sofa sitzen und quatschen, da fühle ich mich um einiges wohler.

Bildquelle: Thierry Bissat

Geschrieben von:

Eat the Spaghetti to forgetti your regretti

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