Über Sex reden darf man nicht? Ganz im Gegenteil, findet Sexualpädagogin Katja Hochstrasser. Genau aus diesem Grund spricht sie in der Schule mit jungen Mädchen darüber. Doch weshalb ist es so wichtig, dass Mann/Frau sich bereit fühlt für das erste Mal? Und was denkt sie über Pornos?

Katja HochstrasserBildquelle: https://spiz.ch/

Stelle dich kurz vor

Mein Name ist Katja Hochstrasser, ich bin Sexualpädagogin und unterrichte seit 10 Jahren im Kanton Zürich. Von der Krankenschwester bis zur Sexualpädagogin. Ich habe Vieles ausprobiert. Dieser Job ist der einzige, bei dem es mir nach drei Jahren nicht langweilig wurde. Im Gegenteil ich finde es spannend und wichtig, was ich mache.

Wie verläuft den eine Unterrichtslektion?

Wir bekommen Anfragen von Volksschulen. Meistens handelt es sich um sechst Klässler oder um Schüler der achten Klasse. Wir bieten drei Lektionen an. Die Schüler/innen können uns im Vorfeld Fragen zum Thema Liebe, Freundschaft, Beziehung und Sexualität schicken. Danach gehen wir als Mann und Frau in die Schule.

Welche Fragen werden immer wieder gestellt?

Seit zehn Jahren, also seit ich diesen Beruf ausübe, sind es Fragen rund zum Ersten Mal, welche von den Mädchen kommen. Was ist wichtig? Weshalb kann es Bluten? Etc, etc…

Worauf achtest du beim Beantworten der Fragen?

Wichtig ist, dass wir eine gleiche Sprache sprechen.

Deshalb schauen wir zuerst anhand von einem Plüschmodell die Geschlechtsteile an. Wir besprechen den anatomischen Teil und lösen den Mythos um das Jungfernhäutchen auf. Oder wir schauen an, was denn ein Orgasmus ist. Was passiert da genau mit dem Scheideneingang? Und was heisst es, wenn eine Frau „feucht“ wird.

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Es liegt mir am Herzen, dass die jungen Mädchen verstehen, ab wann sie bereit sind.

Was braucht es? Was wünsche ich mir für das erste Mal? Soll es in einer Beziehung sein oder ist ein One Night Stand auch okay? Die Mädchen sollen sich Gedanken über ihr Gefühle machen.

Was hat sich im Laufe der Zeit zum Thema Aufklärung verändert?

Was mich fasziniert ist, dass sich von der sexuellen Entwicklung her kaum etwas verändert hat. Die jungen Mädchen sehen durch die Medien viel mehr, und haben dadurch Fragen über das, was sie sehen. Sie können aber das Gesehene von ihrem eigenen Leben trennen. Sobald ich mit den Mädchen auf die persönliche Schiene gehe, ist es nach wie vor so, dass 11-, 12-jährige das Küssen mega gruusig finden. „Bähh, das mach ich sicher nöd.“ „Die im Video machen das, aber ich sicher nicht.“ Mit 14 / 15 Jahren geht es darum, die Mädchen in ihren Gefühlen zu bestärken. Das heisst, wenn sie etwas sehen, dass sie eklig finden, ist es auch ok. Aber auch, wenn sie etwas antörnt, dürfen sie sexuelle Lust empfinden und müssen sich dafür nicht schämen. Trotzdem stellen sie Fragen.

Sie wollen wissen, was Doggy oder ein Blowjob ist.

Bei Youtube, dem Internet und den vielen kostenlosen Pornoseiten, braucht es dich da noch?

Ich denke, den Beruf Sexualpädagogin wird es immer brauchen, da habe ich keine Bedenken. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass sich junge Menschen von überall Infos holen können. Es gibt viele Aufklärungsvideos, wie auch Influencer, welche von ihren persönlichen Erfahrungen sprechen. Allerdings kursieren auch sehr viele Unwahrheiten. Unwahrheiten, welche vor allem zum Thema „Sexualiät“ gefährlich sein können. Es ist wichtig, dass Jugendliche neutrale Informationen von persönlichen Haltungen unterscheiden können und herausfinden, was für sie selbst am besten stimmt.

Wie offen empfindest du die Schweiz, was sexuelle Orientierung anbelangt?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal habe ich das Gefühl, jetzt haben wir einen Sprung gemacht.  Und dann treffe ich wieder auf Jugendliche oder Erwachsene, welche sehr homophob sind.  Ich verurteile niemanden. Wir wollen auf keinen Fall moralisieren. Ich will den Schülerinnen und Schülern zeigen, was es nebst ihrer Wertvorstellung sonst noch gibt. Eine grosse Veränderung ist, dass Mann/Frau Bescheid weiss. Es gibt verschiedene sexuelle Orientierungen. Man spricht auch nicht mehr nur von homosexuell und heterosexuell. Hier in der Schweiz haben wir zum Glück auch eine gesetzliche Grundlage geschaffen, sodass alle für ihre Rechte einstehen dürfen und durch das Gesetz etwas geschützt sind.


Katja Hochstrasser arbeitet bei SpiZ. Doch was ist dies überhaupt?

Die Fachstelle SpiZ (Sexualpädagogik in Zürich)  ist ein Angebot des Vereins Fachstelle für sexuelle Gesundheit in Zürich. Zielgruppe sind Jugendliche zwischen 10-21 Jahren, wie auch Fachpersonen, welche mit Jugendlichen zusammenarbeiten.

Bei Fragen rund um die Sexualität, Freundschaft und Liebe kannst du dich auf der anonymen Beratungsplattform Spiz.ch umschauen, ohne dich dafür schämen zu müssen. Unsicherheit beim ersten Mal ist okay, beim zweiten und dritten Mal  übrigens auch.  Es ist unglaublich wichtig, dass deine Fragen geklärt werden.

Geschrieben von:

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