Immer wieder wird betont, wie wichtig der erste Eindruck ist. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass unsere spontanen Urteile über eine Person oft vorschnell sind und nicht mit der Realität übereinstimmen. Es gibt eine rasche, automatische Reaktion, in der wir Menschen inspizieren und in eine Schublade stecken. Und ebenso die Erkenntnis, dass diese Urteile der anderen Person nicht gerecht werden.

Das Lesen von Gesichtern

Um Personen einzuschätzen, die wir nicht kennen, orientieren wir uns vor allem an derer Gesichtszügen. Dieses Urteil fällen wir blitzschnell: Dafür brauchen wir etwa eine Zehntelsekunde.
Studien zeigen, dass eine weitgehende Übereinstimmung in den Urteilen über das Aussehen von Gesichtern vorhanden ist. Die Einschätzungen über Eigenschaften wie zum Beispiel Dominanz oder Wärme fallen oft sehr ähnlich aus. Welcher Kultur die einschätzenden Leute angehören, spielt dabei keine Rolle. Diese Übereinstimmungen deuten darauf hin, dass die Regeln, die wir anwenden, um uns einen ersten Eindruck zu verschaffen, angeboren sind.
Der erste Eindruck aufgrund des Aussehens kann weitreichende Konsequenzen haben: Menschen mit den „richtigen“ Gesichtszügen werden beispielsweise als liebenswürdiger, klüger und/ oder kompetenter gehalten. Andere mit den „falschen“ hingegen werden negative Eigenschaften zugeschrieben. Unser Aussehen kann also einen enormen Einfluss auf unser Sozialleben und unsere Karriere haben. Auch wenn die ersten Urteile nicht immer der Wirklichkeit entsprechen.

Wie bilden wir diese Urteile?

Die Psychologin Leslie Zebrowitz spricht von vier Gesichtsmerkmalen, aufgrund derer wir uns ein Bild über die fremde Person machen:

Babyfaceness

Wir fühlen uns von Gesichtern mit kindlichen Merkmalen angezogen. Evolutionär betrachtet macht das auch Sinn: Babys brauchen viel Wärme und Fürsorge und lösen mit ihrem Aussehen den Beschützerinstinkt aus.
Zu einem Gesicht mit kindlichen Merkmalen gehören grosse Augen, Pausbacken, eine hohe Stirn, ein kleines Kinn und abgerundete Formen. Diese Züge signalisieren Jugendlichkeit und Fruchtbarkeit.

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Vertrautheit

Je nach dem wie viel Ähnlichkeit Gesichter mit solchen haben, die wir schon kennen, urteilen wir anders über diese Person. Sieht die uns fremde Person einer anderen ähnlich, die wir mögen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass wir positive Eigenschaften mit dem/ der Fremden assoziieren.

Fitness

Mit Fitness ist nicht etwa Sportlichkeit, sondern im darwinistischen Sinne die Zahl der überlebenden Nachkommens eines Individuums.
Wer sich fortpflanzen kann, ist gesund, und Gesundheit drückt sich in Attraktivität aus. Ein attraktives Gesicht ist symmetrisch und wohlproportioniert.

Ähnlichkeit mit einem emotionalen Ausdruck

Es gibt Menschen, deren neutraler Gesichtsausdruck einem bestimmten emotionalen Ausdruck ähnlich sieht. Zum Beispiel wirken Menschen mit tiefliegenden Augenbrauen oft ärgerlich und Leute mit nach oben gewandten Mundwinkeln sehen fröhlich aus. Natürlich werden die glücklichen den griesgrämigen vorgezogen: Aus evolutionärer Sicht ist es sinnvoll, aggressiv aussehende Menschen zu meiden.

Falsche Urteile

Bei diesen Einschätzungen handelt es sich oft um Übergeneralisierungen, was auch zur Verfestigung gewisser Stereotypen führt. Es ist nicht möglich, unseren ersten Eindruck von einem Mitmenschen zu unterdrücken, aber es ist wichtig, dass wir uns überprüfen und kontrollieren können. Wenn auch die spontanen Reaktionen angeboren sind, so bedeutet dies nicht, dass wir diesen Reaktionen gegenüber völlig machtlos sind und sie nicht hinterfragen können.

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1 Comment

  1. Cyrill Pürro Reply

    Ein sehr spannender Bericht. Ist echt gut zu wissen, habe mir noch nie so richtig Gedanken darüber gemacht. Danke! 🙂

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