Geschätzte 40 Prozent aller Gymnasiasten weisen nicht die nötige Intelligenz auf, um das Gymnasium überhaupt besuchen zu dürfen. So Ihre Meinung, basierend auf den Ergebnissen von IQ-Tests, durchgeführt an mehreren Mittelschulen. Anders gesagt: Knapp die Hälfte der „oberen“ 20 Prozent sind zu dumm. Ihr Vorschlag: Die Einführung von Intelligenztests, um eine bessere Selektion der neuen Generation Gymi-Schüler zu gewährleisten. Ihre Idee könnte Sinn machen.

Es ist wahr, dass sich viele Kinder und Jugendliche am Gymnasium befinden, welche nicht nur aufgrund ihrer angeborenen Begabung, mathematische Inhalte schnell zu begreifen oder hochqualitative Aufsätze schreiben zu können, den Weg dorthin gefunden haben. Man wird selten jemanden antreffen, der nicht mindestens einen Vorbereitungskurs besucht hat- egal ob dieser von der Primar- oder Sekundarschule offeriert wurde oder die Eltern ein wenig Geld für einen Privatkurs hingeblättert haben. Vor allem Kinder aus gut verdienenden und privilegierten Familien haben so ein gewissen Vorteil, da sie durch intensives Lernen und einer gut ausgebildeten Hilfestellung den Prüfungsstoff besser verstehen können. Kinder, deren Familien ein eher geringes Einkommen haben, können trotz der vorhandenen Intelligenz nicht immer die Aufnahme ans Gymnasium schaffen, da ihnen das Wissen aus dem Vorbereitungskurs fehlt. Auch Kinder mit Migrationshintergrund scheitern aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse oftmals vor dem Übertritt. Hier sehe auch ich den Nutzen der Intelligenztests. Dadurch haben auch Kinder, welche ihr Potential nicht zeigen können, die Aussicht auf eine gymnasiale Ausbildung.

Für mich kritisch ist jedoch der Gedanke eines flächendeckendes Intelligenztestes. Mittelschulen sind schon seit längerem kein Ort mehr, wo es nur auf die Intelligenz ankommt. Wichtig ist vor allem, dass man lernen möchte, sich engagiert und auch Interesse und eine gewisse Motivation mitbringt. Wer ins Gymnasium will, intelligent ist, aber keinen Finger krumm macht, hat nur eine Chance, wenn er intelligenztechnisch Einstein Konkurrenz machen könnte. Würden obligatorische IQ-Tests eingeführt werden, würden einigen Kindern den Übertritt ans Gymnasium verwehrt bleiben, obwohl sie den erwünschten Tatendrang mitbringen würden. Da laut Ihrer Aussage die Intelligenz angeboren und somit nicht gesteuert oder verändert werden kann, wird jeder mit einem IQ unter dem Richtwert 112,6 nie die Chance erhalten, eine akademische Ausbildung absolvieren zu können. Es entsteht ein Auswahlverfahren, welches Schülern sagt, dass sie entweder intelligent genug sind oder zu dämlich. Wobei sich das Ergebnis des IQ-Tests laufend ändern könnte- das Gehirn ist nicht jedem Tag fähig, Informationen zu verarbeiten und logische Zusammenhänge genau so zu erkennen wie am Vortag, beispielsweise bedingt durch Schlaf und Gesundheit- und dessen Ergebnisse bei einem 12-Jährigen sehr wahrscheinlich völlig anders aussehen als bei einem 30-Jährigen. Auch die Aussagekraft solcher Intelligenztests ist umstritten, der Begriff „Intelligenz“ ist bis heute noch nicht mit hundertprozentiger Zustimmung geklärt.

Ab wann bin ich nicht intelligent genug, eine Mittelschule besuchen zu können? Auf Ihre Aussage im Tagesanzeiger bezogen, sei es sinnvoller, wenn ein weniger Intelligenter Arzthelfer und ein Intelligenterer Arzt wird statt umgekehrt. Was zuerst auch ziemlich plausibel klingt. Doch bin ich bei einem IQ von 120 zu intelligent, um Arzthelfer zu werden? Bin ich bei einem IQ von 90, grob gesagt, zu dumm, um jemals Arzt werden zu können? Muss man also rein von der Logik her auch bei gewissen Berufen einen Intelligenztest einführen, damit auch ja nicht Menschen unter dem Richtwert einen akademischen Job ausführen und keiner über dem Richtwert für einen Lehrberuf verschwendet wird. Wobei man hier wieder eine gewisse Stigmatisierung finden kann, eine Kategorisierung von Berufen und Menschen, eingeteilt in „dumm“ und „schlau“. Vor allem auf den Beruf bezogen ist der IQ oftmals irrelevant. Natürlich muss man für einige Berufe ein gewisses sprachliches Gespür haben und für andere eine Rechenbegabung, doch letztendlich kommt es viel mehr auf die Kompetenzen an als auf einen geeigneten IQ. Auch an Mittelschulen.

Geschrieben von:

Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.

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