In meinem Beitrag schreibe ich über ein Gedicht von Friedrich Nietzsche, das über 100 Jahre alt ist, doch trotzdem kann ich mich damit sehr gut identifizieren. Der Psychoanalytiker Erik Erikson spricht von Konflikten, die man in jedem Altersstadium des Lebens zu lösen hat. Im Jugendalter wird diese Krise durch die Identitätsfindung charakterisiert. Und meiner Meinung nach, kann dies nichts so gut aufzeigen, wie das Gedicht Vereinsamt.

Das Gedicht

Friedrich Nietzsche

Vereinsamt

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten, stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen wirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein,
Weh dem, der keine Heimat hat!

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Welcher Weg ist der Richtige?

Ich befinde mich an einem Scheideweg. Vor mir liegen viele Pfade, die ich gehen könnte. Jeder bringt andere Vor- und Nachteile, doch gehe ich einen, zerstöre ich die Möglichkeit, einem anderen zu folgen. Zerrissenheit ist sicherlich etwas, dass viele von uns kennen: Wenn man sich in einem Dilemma befindet und scheinbar jeder erdenkliche Ausweg etwas Negatives mit sich bringt oder eine weitere Option zerstört.
Das Gedicht Vereinsamt des deutschen Philosophen fasziniert mich, weil es mich stark an meine momentane Situation erinnert: mit einem Fuss Zuhause, mit dem anderen alleine in der grossen Welt. Die Suche nach einer Identität und einer Erfüllung gegenübergestellt mit der Angst davor, diese niemals zu finden und das eigene Leben und seine Zeit hier zu verschwenden.

Was ist Heimat?

Diesen innere Kampf lese ich in Friedrich Nietzsches Gedicht stark heraus: Der Kontrast der harten, kalten Vereinsamung zur warmen, wohligen Heimat beschreibt er stark. Doch obwohl das Gedicht allgemein eine düstere Atmosphäre schafft, interpretiere ich das Gedicht nicht als rein melancholisch und negativ.
Angst vor dem Ungewissen ist etwas, dass tief im Menschen verankert ist, doch diese Angst gilt es zu überwinden, denn nur so kann man Dinge von neuen Perspektiven betrachten. Die Absonderung von einer Gesellschaft kann durchaus als positiv betrachtet werden. Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl und durch den sich weiterentwickelnden und lernenden Geist kann sich auch die Heimat zu etwas Neuem bilden. Interessen, Freunde, Sehnsüchte und Träume ändern sich. Plötzlich fühlt man sich an einem Ort fremd, den man einmal Zuhause nannte. Doch dieser Prozess ist nichts Schlechtes, er zeigt uns bloss auf eine schonungslose Weise, dass Verluste manchmal notwendig sind. Die Vereinsamung ist nicht das Ende, sondern bloss ein weiterer Schritt zu einem neuen Selbst und einer neuen Heimat.
Manchmal, so glaube ich, muss man einfach die Augen schliessen und den ersten Fuss ins Unbekannte wagen, denn nichts ist schlimmer, als im Kreis zu gehen.

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