Ich bin auch Fotografin. Auf Instagram ist das heute eigentlich fast jede*r.

Schöne Aussicht, zack, Handy gezückt, Kameraapp mit einem Druck geöffnet und boom ist der zweihundertfünfundvierzigste Sonnenuntergang im Kasten. Einmal kurz den Filter „Juno“ drauf geklatscht und schon kann das Meisterwerk auf Instagram und Facebook und Twitter geteilt werden. Ist ja schliesslich ein Masterpiece, dass so noch nie jemand gesehen hat. Ich meine, die Sonne in genau diesem einen Winkel zu erwischen – das nennen wir heutzutage Können!

Aber jetzt mal ehrlich, wer kennt es nicht. Fast täglich rücken wir mit unseren Smartphones so nah wie möglich an das alltägliche Geschehen heran, drücken Tausende Male wie verrückte auf den runden virtuellen Knopf, um die aufmerksamkeitsgeile Gefolgschaft in den sozialen Medien mit dem täglichen „Schnappschuss“ zu verwöhnen. Gefolgt von einem #OOTD und einer abgelichteten Sonnenblume, die im Sonnenlicht irgendwie ganz schön ästhetisch aussah. Irgendwie. Der Filter wird’s schon richten.

Und am Ende des Tages steht in der Insta-Bio: Fotograf*in.

Bei mir genau das Gleiche. Ich poste unnütze Dinge. Schmunzle, wenn ich mich selbst irgendwie ganz witzig finde, und schlag mir mit der Hand an die Stirn, weil von all den Followern, nur jemand (mit dem gleich verkorksten Humor) antwortet bzw. mich genauso witzig findet. Na gut, ich gestehe, so witzig war es vielleicht wirklich nicht. Aber bei potenziell schönen Fotos gilt beinahe das gleiche. Keine Reaktion, vielleicht das eine oder andere Mal ein Emoji Klatschen von meiner Mutter, die sich vor einigen Monaten ebenfalls auf der abtrünnigen Plattform angemeldet hat. Zum Ausprobieren, sie mache ja auch Kunst, dann darf man das. Klar, ich find es toll und die Kunst, die sie kreiert ebenso, also klatschen ihr meine Emoji Hände ebenfalls zu.

Also poste ich weiter, beinahe täglich etwas Kunst, etwas Alltag, hier ein Sonnenaufgang, da wie sie untergeht, und schreibe nach einer Weile ebenfalls in mein Profil: Fotografin.

Aber bin ich das?

Sind das alle anderen, die fleissig am sharen sind?

Handy oder Kamera – spielt heute für die Rolle des Fotografen anscheinend keine Rolle mehr.

Ich bin bei Weitem nicht die einzige, die versucht sich auf sozialen Plattformen selbst zu verwirklichen. Die einen kraxeln bis ganz oben auf das Podest, andere Versinken inmitten Millionenfach geknipster Porträts, auf denen sich das Model so ganz sexy auf die Lippe beisst und heiss in die Kamera guckt. Und ja, das Model ist nebenberuflich ebenfalls Influencer, dann gibt es mehr Klicks für die Kameraperson. Falls das Model das Bild auch teilt, versteht sich. Und Credits dazu gibt, versteht sich ebenso. Eigentlich versteht sich ganz vieles in der digitalen Welt, und eigentlich aber auch gar nichts.

Doch spulen wir zurück zum Sonnenuntergang. Ja, wir alle machen Fotos. Und ja, Fotografieren ist ganz schön cool, insbesondere, wenn man dadurch sogar seine Brötchen verdienen kann. Aber nein, Fotograf*in ist nicht jede*r. Jedenfalls nicht offiziell. Obwohl IPhone Kameras beinahe mehr Megapixel aufweist, als meine bereits veraltete DSLR, reicht es meines Erachtens nicht für diesen heiss begehrten Titel „Fotograf*in“. Übrigens auch nicht wenn man eine Spiegelreflex hat (obwohl ich mir das insgeheim vielleicht wünschte).

Tize Redakteurin Sophie hat sich hier übrigens ebenfalls Gedanken über Instagram gemacht.

Trotzdem ist Instagram diese wunderbare Plattform, die Betrachter und Knipser auf eine Augenhöhe bringt. Sie bietet direkten Austausch und die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zu verknüpfen. Ausserdem erhalten Freelance Künstler, die Möglichkeit ihre Arbeit unverbindlich zu teilen. Auf der Kehrseite schenkt Instagram fragwürdigen Profilen bei weitem mehr Aufmerksamkeit als solchen, die hochwertigen Content publizieren. Der Algorithmus von Instagram lässt auch meinen Kopf ratlos schütteln, obwohl die Plattform vermutlich nicht die einzige ist, die sich solcher Einstellungen bedient.

Ist Instagram nun Fluch oder Segen?

Ich muss gestehen, ich verbringe viel Zeit in den sozialen Medien. Bin dadurch vermutlich auch weniger sozial als vermeintlich angedeutet. Ich schiebe Dinge, die ich lernen möchte nach hinten und erwische mich selbst, wie ich auf mehr Rückmeldungen und vielleicht auch Likes hoffe. Andererseits ist es für mich, als kreative Person, die gerne ihre Gedanken und manchmal auch unsinnige Dinge teilt, eine Möglichkeit ohne grosse Einschränkungen zu posten, was mein Herz begehrt. Trotzdem ist Instagram ein Fluch. Tägliches teilen wird zur Sucht, so wie der ständige Druck noch mehr Menschen, noch mehr Aufmerksamkeit zu erreichen und dabei keimt Hoffnung für Dinge auf, welche inmitten der Millionen registrierter Künstler*innen schlichtweg unmöglich sind. Gleichzeitig ist es aber auch ein kleiner Segen, damit meine Fotos nicht vollständig auf der Festplatte in Vergessenheit geraten. Aber Fotografin bin ich deshalb vielleicht doch nicht. Trotzdem lass ich es fürs Erste so in meiner Biobeschreibung stehen.

Wirkt ja doch irgendwie ganz cool.

Geschrieben von:

auf der Suche nach etwas Inspiration

3 Comments

  1. Cyrill Pürro Reply

    Eine gute Idee, die du auch gut umgesetzt hast. Mir gefällt, wie du das Thema unserer Social-Media orientierten Gesellschaft kritisch beleuchtest und auch hinterfragst, wie gut Instagram wirklich für uns ist. Als Schluss noch eine zusammenfassende Analyse, die du auch aus deiner Sicht beschreibst, sehr interessant!

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