Thomas Hirschhorn hat es mal wieder geschafft. Das «Enfant terrible» der Schweizer Kunstszene hat grosse Teile der Schweiz zur Empörung gebracht. Diesmal mit einer Ausstellung auf dem Bieler Bahnhofplatz über den Schriftsteller Robert Walser – eine Liebeserkärung von Künstler Hirschhorn an Autor Walser. Die Robert-Walser-Skulptur, so nennt sich Hirschhorns Projekt, ist einmal mehr Ausdruck der verrohten Art mit welcher der Künstler seine Ideen zum Ausdruck bringt.

Spanplatten und Paletten, scheinbar zufällig zusammengenagelt, bekritzelt mit zahlreichen Ausschnitten aus Walsers Werken, dominieren das Bild für die Betrachter. 30’000 sind es pro Tag, die grosse Mehrheit Passanten, die den Bieler Bahnhof betreten und verlassen und oft das Wirrwarr von Podesten, Hütten und Brücken oft verwundert mustern. Sofas und Stühle, von Hirschhorns Helfern von den Strassen Biels aufgelesen, sind zugepflastert mit braunem Klebband. Ein riesiges Transparent mit dem Text «Auf die Frage: Warum ist Robert Walser (1878–1956) so wichtig? Erhalten Sie eine Antwort hier» erklärt das Durcheinander für die verwunderten Beobachter.

Kritik an Hirschhorn

Selbst in Biel, einer Stadt, die für ihre Offenheit gegenüber dem Ungewöhnlichen bekannt ist, führte das Projekt zu hitzigen Diskussionen. Nebst der Finanzierung hielten Einsprachen von Taxi- und Velofahrern die Verwirklichung das Projekt auf, das eigentlich bereits 2018 stattgefunden hätte. Doch auch Kritik am Künstler selbst machte sich «Fantast» oder «Profiteur» gehörten noch zu den netteren Bezeichnungen für Hirschhorn, die in der Lokalpresse zu lesen waren. Ende März trat der Stiftungspräsident, Stéphane de Montmollin, und seine Administratorin zurück. Zu kompliziert sei die Zusammenarbeit mit Hirschhorn. Und eineinhalb Monate nach der Eröffnung, fehlen noch immer beinahe 200’000 Schweizer Franken, um die Kosten des Projekts abzudecken.

Doch die Robert-Walser-Skulptur hat sich nun, etwas mehr als einen Monat nach ihrer Eröffnung, in die Stadtlandschaft integriert. Die kritischen Stimmen sind leiser geworden. Einheimische lesen rund um die Uhr aus Walsers Werken vor, während vor allem Randständige die Skulptur am Laufen halten und so während den Sommermonaten eine sinnvolle Beschäftigung finden. Alkoholiker, Arbeitslose und Asylbewerber vermischen sich mit den intellektuell angehauchten Anhängerschaft Hirschhorns zu einer selten gesehenen Symbiose. Es passt genau zum Charakter der Stadt Biel, denn in welcher anderen Stadt wäre ein solches Projekt, auf dem wichtigsten Platz der Stadt, möglich gewesen, wenn nicht in der ehemaligen Arbeiterstadt am Jurasüdfuss.

Armut und Heilanstalten

Wer in die Welt Walsers eintaucht, erfährt bald, dass Robert Walser selbst nie ein einfaches Gemüt war. Der Schreiberling, der nach seinem Ableben nationale Bekanntheit erringen sollte, hatte alles anderes als ein einfaches Leben. Den Grossteil seines Lebens verbrachte der Bieler in absoluter Armut, schrieb den Grossteil seiner Werke auf alte Zeitungspapiere – mit Milimeterbuchstaben, um Platz zu sparen. Geplagt von Angstzuständen und Halluzinationen verbrachte er mehrere Jahre seines Lebens unfreiwillig in psychiatrischen Heilanstalten, bevor 1956 nahe Herisau verstarb. Auf einem Spaziergang im Schnee.

Bildquelle: Wikipedia

Wer mehr über Walsers Bedeutung in der heutigen Zeit herausfinden möchte, hat noch bis am 8. September Zeit. Dann wird die Festung vor dem Bieler Hauptbahnhof so schnell verschwunden sein, wie sie anfangs Juni aufgetaucht war.

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