Es war ein Spektakel und Zeichen von Teamwork, wie man es in der Leichtathletik erst selten gesehen hat, als Eliud Kipchoge am letzten Samstag die finalen Meter seines Marathonlaufes im Wiener Prater abspulte. Sich seines Erfolges sicher, überholte er die Tempomacher, die daraufhin in Jubel ausbrachen und ihn zusammen mit den 120’000 Zuschauern am Strassenrand ins Ziel begleiteten. Kipchoge hat geschafft, was viele für schlicht unmöglich hielten – als erster Mensch ist er die berüchtigte Marathondistanz von 42.195 Kilometern in unter zwei Stunden gelaufen.

Doch so beeindruckend Kipchoges Zeit von 1:59:40 Stunden scheinen mag – Kritiker sprechen von «einem Lauf unter Laborbedingungen» und diskreditieren den Event als PR-Gag. Dies wirft die Frage auf: Wie bedeutend ist Kipchoges’ Lauf in die Annalen der Sportgeschichte wirklich?

So bedeutend wie die Mondlandung?

Tatsächlich rührte Ineos, ein englischer Chemie-Konzern, der den Event organisierte und ebenfalls für sein Radteam bekannt ist, mit grosser Kelle an. Man sprach von einem Erfolg, so bedeutend wie die Mondlandung und vom bedeutendsten Meilenstein in der Leichtathletik seit Roger Bannister 1954 die Englische Meile als erster Mensch in unter vier Minuten absolvierte. Zusammen mit einer gigantischen Social-Media-Kampagne unter dem Kampfruf «No Human Is Limited» (z. Dt. kein Mensch ist begrenzt) kreierte Ineos so einen Medienrummel, wie er für Langstreckenevents ungewöhnlich ist und normalerweise den Sprintern vorbehalten ist.

Laserlichter und 41 Tempomacher

Eines ist auf jeden Fall sicher. Nicht nur Kipchoge ist am letzten Samstag über sich hinausgewachsen. Auch die Sportwissenschaft hat einmal mehr eindrücklich bewiesen, wie die menschlichen Limiten durch die Optimierung der äusseren Bedingungen nach oben gedrückt werden können. Ähnlich wie beim ersten Versuch unter Laborbedingungen im Mai 2016, als Kipchoge 25 Sekunden über der magischen Marke geblieben war, unterstützten ihn auch diesmal eine Horde von Spezialisten in jedem kontrollbaren Aspekt.

Der windgeschützte Wiener Prater wurde gewählt, um zu verhindern, dass ein Jetlag den Weltrekordhalter zu sehr im Schlafrythmus und in der Nahrungsaufnahme stört. Wien und Kaptagat, Kipchoges Trainingsbasis, weisen nur eine Stunde Zeitunterschied auf. Ausserdem profitierte er auf einer Höhe von 165 Meter über Meer von einer verbesserten Sauerstoffaufnahme. Der beinahe Vorteil lag für Kipchoge jedoch bei den Tempomachern. 41 Weltklasseathleten, darunter der Schweizer Julien Wanders, zogen den Kenianer während den knapp zwei Stunden ununterbrochen über die Runden.

Bildquelle: Evening Standard

Genauestens kontrolliert wurde seine Leistung von einem vorfahrenden Elektroauto, das mit einem Laserstrahl den Tempomachern genau vorgab, wie schnell sie zu laufen hatten. Selbst Nike entwarf einen speziellen Schuh, den Nike Vaporfly, der die Laufökonomie angeblich um vier Sekunden verbessert, für genau den Zeitgewinn, den Kipchoge für seinen Erfolg brauchte. Sogar bei der Verpflegung sorgte Ineos mit einem Verpfleger per Fahrrad dafür, dass Kipchoge keine unnötige Sekunde verlor. Aus all diesen Gründen anerkennt der Leichtathletik-Weltverband die Zeit nicht als offizieller Weltrekord. Dieser liegt weiterhin bei 2:01:39, aufgestellt – natürlich – durch Eliud Kipchoge.

«Keiner wird sich an diesen Lauf erinnern»

In der Zwischenzeit haben sich auch Kritiker unter die Gratulanten gemischt. Am heftigsten kritisieren sie die Kipchoges Wahl des Vaporflys, der bereits jetzt für die schnellsten Marathonläufe in der Geschichte verantwortlich ist. Das wirft die Frage auf: Ist es eine aussergewöhnliche Leistung der Läufer – oder der Wissenschaft? Ähnlich liess der Schweizer Europameister Viktor Röthlin verlauten, dass sich in hundert Jahren keiner mehr an diesen Lauf erinnern werde. Röthlin könnte Recht behalten – erst recht falls es einem Läufer in Zukunft gelingen wird, die Zwei-Stunden-Marke ohne unerlaubte Hilfe zu brechen. Experten sagen aber, dass dies noch eine für eine Weile nicht der Fall sein wird.

Bildquelle: Chicago Suntimes

Eines ist aber sicher: Kipchoges Ausnahmeleistung hat Menschen auf dem ganzen Planeten inspiriert. Das beste Beispiel lieferte Brigid Kosgei am Chicago Marathon. Die kenianische Spitzenläuferin unterbot weniger als 24 Stunden nach der «ineos159challenge» den 16 Jahre alten Weltrekord der Britin Paula Radcliffe in 2:14:04 Stunden um sagenhafte 1:21 Minuten. Nach dem Rennen sagte sie: «Ich wollte der zweite Kipchoge sein – der Kipchoge der Frauen.»

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