Du fährst nach Hause. Es ist bereits halb sechs, die Nacht ergreift den Tag und verschlingt ihn Minute um Minute etwas mehr. Der kalte November Wind lässt deine Hände am Fahrrad gefrieren. Du ziehst sie ein, haltest den Lenker nur mit angezogenen Knöcheln. Den Schal hast du bist zur Nase hochgezogen. Du radelst schnell. Nicht nur um warm zu kriegen, auch um die Stadt, die Arbeit hinter dir zu lassen. Aus deinen Kopfhörer dröhnt Musik. Kurz steckst du eine Hand in die Jackentasche und drehst die Lautstärke noch höher.

Der See neben dir ist schwarz. Deine Ohren hören nichts, nur die harten, zugleich sanften Töne. Der gefährliche Verkehr, die kalte Luft, das Schreien eines Kindes am Strassenrand; all das scheint Meilen entfernt zu sein.

Du fährst weiter. Zielstrebig. Du kommst an eine Wegkreuzung.

Ein Rauschen geht durch dich hindurch. Hier hattet ihr gespielt. Der Stein zu deiner linken, den du nur schwer ausmachen kannst, ist noch immer der Gleiche. Er hatte früher riesig gewirkt, heute könntest du ohne Probleme raufspringen. Du wirst langsamer, starrst auf den Stein, und hörst das Pochen deines Herzens, gemeinsam mit dem Pochen der Musik und dem Rauschen von Blut, das durch deine Adern fliesst. Ja, noch fliesst es. Dort hattet ihr gespielt, kleine Kinder, unberührt vom Schicksal, heute sind es nichts weiter als Erinnerungen.

Etwas Feuchtes löst sich aus deinem Auge. Aber es ist zu kalt, um hemmungslos zu weinen. Du wischst dir mit dem Handrücken über die Wange und fährst schnell weiter. Das Lied hatte nun gewechselt und ein eher älterer Song erklingt. Jetzt musst du grinsen und radelst schneller auf den nächsten Hügel zu. Rauf und wieder runter. Wie ihr es gemeinsam getan hättet. Jauchzend und fröhlich, wie vor fünf Jahren. Ihr habt geschrien, während ihr mit den Händen in der Luft runtergerast seid.

Nun bist du alleine. Die Welt dunkel um dich herum, er ganz nah. Die Töne klingen lauter und du schliesst für einen Moment die Augen. Noch musstest du in die Pedale treten, nun rast das Fahrrad geradewegs nach unten. Die Augen wieder geöffnet blickst du gen Himmel und lauschst der Musik. Dieser grossartige epische Moment, dieses grossartige Déjà-Vu. Leise summst du mit, während deine Umgebung laut an dir vorbeirauscht und dich dabei in eine Art Kokon hüllt. Nur ihr zwei. Die gemeinsame Musik und eine Erinnerung. Und obwohl die Welt vorbeirast, der bellende Hund des Nachbarn dich stoppen möchte, du dem verliebten Pärchen ausweichst, dass zur später Stunde spazieren geht und die alte Frau erkennst, die noch immer wie am morgen früh auf ihrer Sitzbank sitzt. So fühlst du dich doch ganz alleine, als hätte die Erdkugel aufgehört sich zu drehen. Als hätte die kühle Luft alles eingefroren in diesem einen Moment.

Kaum ist die Abfahrt vorbei, tritts zu erneut in die Pedale während zeitgleich ein neuer und vermutlich Chartstürmender Gute Laune Song in deinen Ohren dröhnt. Stimmungskiller. Der Moment ist vorbei. Die Erinnerung schwindet und du wirst zurück in die Gegenwart geschleudert. Diese manchmal graue und träge Gegenwart, die zwar etwas mehr Farbe vertragen könnte, aber in bunten Zeiten mit den richtigen Menschen wunderbar ist. Eine Gegenwart, die du mit neuen Erinnerungen füllst und die, die alte schmerzhaft schöne Zeit nach hinten rückt. Eine Zeit die nicht vergessen werden sollte, aber nicht immer die gleiche Aufmerksamkeit benötigt.

Du fährst weiter. Bald bist du zu Hause. Die Musik ist beschwingt, während du von deinem Fahrrad steigst und schon kaum mehr an ihn denkst.  Bis zum nächsten Mal, denkst du dir und lächelst als deine beste Freundin bereits auf dich wartet, für euren gemeinsamen Pancake-Abend. Das Leben ist zu kurz, um in der Vergangenheit stehen zu bleiben.

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