Sie kommen ausgerüstet mit Profikamera, mehreren Ersatzobjektiven, manchmal sogar mit Stativ. Die Haut ist leicht gerötet von der ungewohnten Sonneneinstrahlung. Ein Duft aus Sonnencreme und Schweiss liegt in der Luft, während sie sich unbeirrt den Weg freistapfen. Ein Bild hier, eines da. Kein Motiv ist zu belanglos, keine Menschenmasse zu gross. Dann geht es wieder in den Bus, zur nächsten Destination. Der Tourist ist da! Typischerweise aus Grossbritannien, Deutschland oder China. So zahlreich, so zahlungskräftig, so wichtig für die Wirtschaft wie nie zuvor. Der Massentourismus nimmt Sommer für Sommer absurdere Formen an. Am meisten betroffen sind die typischen Feriendestinationen wie Barcelona, Paris oder Venedig. Ihre Infrastruktur ächzt unter den Massen immer mehr.

„Disneylandisierung“

Das Problem ist schnell bestimmt. Aufgrund des ungebremsten Zustroms der Touristen schiessen die Preise in die Höhe. Da wäre zum einen das Problem mit den Mieten. Durch das Aufkommen von Angeboten wie Airbnb. Auf den ersten Blick ein innovatives Konzept, nur leider in einer rechtlichen Grauzone. Denn die Vermieter zahlen weder Steuern, noch andere Abgaben an den Staat. Zudem werden durch solche Angebote in beliebten Quartieren der Touristenstädte die Mieten in die Höhe getrieben und so für viele Einheimische unbezahlbar. 32 Millionen Touristen verzeichnet alleine Barcelona pro Jahr. Ehemals eine heruntergekommene Arbeiterstadt explodierten die Touristenzahlen nach den Olympischen Sommerspielen 1992. Nun droht die Stadt an ihnen zu ersticken. Die Lebensqualität der Einheimischen nimmt stetig ab, viele flüchten während den Sommermonaten, um den Menschenmassen zu entkommen.

Ein anderes, krasseres Beispiel ist Venedig. Die italienische Lagunenstadt war in den sechziger Jahren eine florierende Handelsstadt mit 150’000 Einwohnern. Seither befindet sie sich auf dem absteigenden Ast. Das historische Zentrum mit den Kanälen ist längst zum Freiluftmuseum mutiert, der Exodus setzte ein, heute zählt die Altstadt gerade einmal 50’000 Einwohner. Damit kommen auf einen Bewohner jährlich 600 Touristen. Ein Grossteil der Touristen wird von den unzähligen Kreuzfahrtschiffen angeschwemmt, die täglich im Hafen anlegen und mit ihren Tagesgästen kaum Geld in der Stadt lassen. Busreisen stehen ebenfalls hoch im Trend und finden vor allem bei Reisegruppen aus China Anklang. Zwanzig europäische Städte in zehn Tagen stehen meist auf dem Programm und haben mit typischen Reisen nicht mehr viel am Hut. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Der asiatische Markt steht erst am Anfang und hat laut Experten ein enormes Expansionspotenzial.

Das Geld fliesst am Staat vorbei.

Der Tourismus hat sich in vielen Metropolen zum Haupteinnahmezweig entwickelt. Trotzdem fliesst ein Grossteil des Geldes am Staat vorbei. Der Grund: Mitte der neunziger Jahre rief der damalige Bürgermeister Massimo Cacciari zur Privatisierung der Stadt auf. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt selbst verkauft. Kaum ein Gebäude ist noch in städtischen Besitz, meist sind es grosse Unternehmen, die die Gebäude reihenweise aufkaufen. Das führt dazu, dass das Geld nicht zurück in die Stadt fliesst, bzw. der Bevölkerung zugutekommt.

In Spanien, Europas Feriendestination Nummer 1, sind 13 Prozent der Beschäftigten in der Tourismusbranche tätig. Das ist gefährlich. Der Tourismus gilt als fragiler Sektor, der leicht durch äussere Umstände beeinflusst wird. Als Beispiel eignet sich Tunesien, wo die Touristen seit einigen Jahren, aufgrund der politisch unsicheren Lage im Lande, fast gänzlich ausbleiben und damit Tausende von Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen. Die Politik sollte es sich daher gut überlegen, wie viel Gewicht man dem Tourismus in der nationalen Wirtschaft geben will.

Die Bevölkerung wehrt sich.

Gegen den ungebremsten Zustrom regt sich nun zum ersten Mal Widerstand. In Barcelona wurden bereits erste Bürgerinitiativen gegen den Massentourismus gegründet. Die linke Jugendorganisation „Arran“ griff inmitten der Hochsaison einen Bus voller Touristen an. Es blieb jedoch bei aufgeschlitzten Reifen und versprühten Windschutzscheiben. Auch in Venedig und auf Mallorca gehen die Menschen auf die Strasse, um „gegen den Ausverkauf“ zu protestieren.

Freundlich sind sie mit fremden Touristen längst nicht mehr. Die immer absurder werdenden Touristenzahlen sollten uns zu denken geben. Denn nur ein nachhaltiger Tourismus schafft Gewinner auf beiden Seiten. Momentan scheint dies nur mit staatlichen Regulierungen möglich zu sein. Ob diese durchkommen werden, ist jedoch mehr als fraglich.

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