Das Schweizer Militär gerät des Öfteren in Kritik. Es koste zu viel, wäre unnötig und überhaupt: Die Schweiz wäre doch viel zu unwichtig, weshalb sollte ein so kleines Land angegriffen werden? All das sind Kritikpunkte, die in alltäglichen Diskussionen immer wieder auftauchen und auch während den diesjährigen Wahlen, gerieten die «grünen Ferien» desöfteren in Beschuss. Wie wichtig ist eine Armee für ein kleines Land wie die Schweiz und welchen Stellenwert hatte sie in der Vergangenheit?

Es ist ein Szenario, welches sich niemand gerne vorstellt: Die Schweiz wird von einem Nachbarstaat oder einer weltlichen Supermacht invadiert, Heimatstädte werden von Fliegern zerbombt und fremde Panzer rollen über die Strassen. Wenn man sich die weltliche Lage und Auseinandersetzungen wie in der Ukraine, in Syrien oder in der Golfregion anschaut, stellt man sich schnell mal die Frage: Was, wenn solche Krisen irgendwann auch die Schweiz treffen? Wäre unsere Armee bereit, zu reagieren und die Schweiz zu beschützen?

 

Invasionsängste prägen die Schweizer Vergangenheit

Die Angst vor Invasionen von fremden Mächten hat die Schweizer Geschichte geprägt. Schon immer befand sich die kleine Schweiz umgeben von grossen Reichen und musste sich gegen kaiserliche Invasoren beweisen, welche ständig versuchten, in die freien Orte einzudringen. Später, im Jahre 1798, kam es zum Franzoseneinfall. Napoleons Truppen marschierten in die Schweiz ein und krempelten das komplizierte, zerstrittene Konstrukt der alten Eidgenossenschaft zu einer vereinigten, helvetischen Republik um. Für die französische Armee war es ein leichtes in die Schweiz einzudringen, da die alten Kantone zwar eine Einheit als Eidgenossenschaft bildeten, trotzdem aber selbständig regierten und es noch kein übergeordnetes Schweizer Militär gab. Die einzelnen Truppen der Kantone hatten bei den Schlachten so gut wie keine Chance.

 

Die Schweiz in den Wirren der Neuzeit

Über 100 Jahre später konnte sich die Armee bei Kriegsende des zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 als erfolgreich erweisen. Die NZZ berichtet, der damalige General Henri Guisan habe die Erfolge der Armee folgender massen beschrieben: «Die Armee hat die Schweiz vor Elend und Leid bewahrt, vor Krieg, Besetzung, Zerstörung, Gefangenschaft und Deportationen». Als das Deutsche Reich am 1. September 1939 in Polen einfiel, berief der General die Armee ein, worauf sich die Wehrdienstpflichtigen auf einen Ernstfall vorbereiteten. Tatsächlich schien dieser Ernstfall gerade während des Blitzkriegs von Nazideutschland als möglich. Nach Wikipedia gab es Pläne zur Operation «Tannenbaum». Geplant war, dass deutsche und italienische Truppen gleichzeitig von Norden und Süden her in die Schweiz eindringen und so die Armee zerschlagen. Glücklicherweise kam es nie zu diesem Vorhaben, da die NS-Regierung mit Plänen der Eroberung Grossbritanniens beschäftigt war und keine militärischen Mittel zum Überfall auf die Eidgenossenschaft zur Verfügung standen.

Die Lage für die Schweiz wurde prekärer. Essensrationen und ständige Luftalarme standen an der Tagesordnung, sowie Fehlbombardierungen auf Schweizer Städte, wie beispielsweise Schaffhausen im Jahre 1944 durch die amerikanische Luftwaffe. Auch die Soldaten der Schweizer Armee standen zu dieser Zeit bereit und postierten an den Grenzen zu den miteinander im Krieg stehenden Mächten. Trotz der Neutralität der Schweiz, wurde das Land vor allem in der Luft vor potenziellen Luftangriffen beschützt. Laut dem SRF wurden insgesamt etwa ein Dutzend deutsche Flieger von der Schweizer Luftwaffe abgeschossen, welche Luftraumverletzungen über dem Land begangen hatten. Nach dem die Führung des Deutschen Reiches erzürnt auf die Gefechte reagierte, stellte der Bundesrat Luftangriffe auf deutsche Flieger, welche ohne Bewilligung den eidgenössischen Luftraum passierten, ein. Man könnte also sagen, dass die Armee die Schweiz vor potenziellen Angriffen geschützt hat und sicherlich auch schlimmeres vermeiden konnte. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage offen, ob die Armee einem Einmarsch der Wehrmacht oder der Alliierten standgehalten hätte.

 

«Die Armee hat die Schweiz vor Elend und Leid bewahrt, vor Krieg, Besetzung, Zerstörung, Gefangenschaft und Deportationen.»

General Henri Guisan bei seiner Rede zum Kriegsende am 8. Mai 1945

 

Die Schweiz im Militär-Ranking

Ueli Maurer beschrieb das Schweizer Militär vor ein paar Jahren als die beste Armee der Welt, so berichtet der Tagesanzeiger. Auch wenn er damit nicht nur die militärische Stärke, sondern auch das Milizsystem dahinter meinte, kann man bei Anblick der im Netz kursierenden Videos durchaus die Stirn runzeln. Zu sehen sind Rekruten, die auf offener Autobahn Weinflaschen entgegennehmen, Armeefahrzeuge in Gräben fahren oder sich eine Schneeballschlacht liefern, hier das zurzeit bekannteste Beispiel. Natürlich kann man all diese Dinge mit Belustigung hinnehmen. Dennoch ist es fragwürdig, die Armee als beste oder angehend beste, darzustellen. Nach dem Globalfirepower-Index bestreitet die Schweiz zurzeit den 33 Rang in der militärischen Stärke, gemessen mit Armeen der ganzen Welt.

 

Der überschätzte Stellenwert

Wie aus der Vergangenheit gelernt wurde, ist es durchaus sinnvoll, als kleines, souveränes und neutrales Land eine Armee zu besitzen. Doch es ist klar, dass die Eidgenossenschaft mit einem 33. Rang in einem ernsten Fall auf fremde Hilfe angewiesen ist. Umso wichtiger also, die bilateralen Beziehungen zu NATO-Mitgliedsstaaten zu stärken und zu pflegen. Trotz Bürgerkriegen und der anhaltenden angespannten Lage im Nahen Osten: Nach Ourworldindata.org leben wir zurzeit in den friedlichsten Zeiten, die es bishin gab. Der Westen Europas lebt seit Ende des zweiten Weltkrieges in Frieden, der Osten seit Beginn des 21. Jahrhunderts. Auch kann über die Höhe der Investitionen des Bundes in die Armee, die Herangehensweisen an Aufgabenstellungen für Soldaten und den militärischen Drill diskutiert werden.

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Schreiberling: Auf tize.ch in der Montagsausgabe zu finden, sowie auf www.wattpad.com unter dem Pseudonym "Cyrill.P.Kerry".

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