Ich komme an und bin perplex. Costa Rica, ein Land mit einer Natur von blühender Schönheit, progressiv, mit einer einzigartigen Energiepolitik, die zu hundert Prozent auf erneuerbaren Energien aufbaut. Das muss ein weltoffener, herzlicher und friedlicher Flecken Erde sein.

Wegen seiner Neutralität wurde das Land auch die „Schweiz Zentralamerikas“ genannt. Sogar die Armee ist abgeschafft. Costa Rica ist reich, zumindest verglichen zu seinen Nachbarländern. Arbeitslosenraten sind stabil, das Bildungssystem funktioniert reibungslos. Die Saläre, aber auch die Preise gehören zu den höchsten in Lateinamerika. Der boomende Tourismus bringt Jahr für Jahr mehr Besucher vornehmlich aus Europa und den USA und ist damit bereits zur Haupteinnahmequelle des Landes geworden. Böse Zungen sprechen gar von der neusten US-Kolonie.

Umringt von Mauern

Und dann stehe ich da, in einem Aussenbezirk von San José, der Hauptstadt, und sehe mich umringt von Mauern. Hoch, unüberwindbar, senden sie eine Botschaft aus: Von jedem geht Gefahr aus, traue niemandem. 

Wer es sich in San José leisten kann, lebt im Kondominium, das sind Reihen von Einfamilienhäusern umgeben von hohen Mauern und bewacht vom eigenen Security-Personal. Sicher abgeschirmt von der Aussenwelt. Die breite ärmere Schicht der Bevölkerung, die es sich nicht leisten kann in solch einer Siedlung zu leben weiss nicht anders, als sich selbst einzusperren. Nicht nur ein einfacher Zaun, wie wir es uns von der Schweiz gewohnt sind, beschützt die oft ärmlichen Hütten, nein, um sich selbst vor Kriminellen zu wahren, bauen sie sich eine Art Käfig, meist hohe Metallstangen, die sich vom Boden des Hauses bis zum Dach erstrecken und so ein unwillkommenes Eindringen verunmöglichen. Das Haus selbst hat damit den Anschein eines Gefängnisses. Ganze Strassen mit solchen Häusern senden vor allem Misstrauen aus, nicht die berühmte costa-ricanische Lebensfreude. Doch warum Mauern, wenn es bei den Armen eh nichts zu holen gibt? Der Souveränitätsanspruch über die eigenen vier Wände ist nicht zu unterschätzen. Die eigenen vier Wände sind mehr als nur der Wohnort. Sie sind Rückzugsort, eine Oase der Ruhe. Durchbrechen etwa Einbrecher diese, kann das länger anhaltende mentale Probleme verursachen. Man beschützt sein eigenes Wohlbefinden, nicht den Reichtum.

Gefangener und Wächter zugleich

„Der Schweizer hat den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und Wärter ist. Dürrenmatt sagte diese Worte in Bezug auf den die Schweiz im übertragenen Sinn. In Costa Rica ist es die physische Realität. Selbst halten sie sich gefangen, zum Schutze vor der Aussenwelt. Freiheit oder Sicherheit? Die Frage ist Ausdruck von grossem Wohlstand. Freiheit über Sicherheit zu stellen, können nur die, die in Sicherheit leben. Zum Beispiel in einem Land wie der Schweiz, wo eine Hecke genügt, um den Eigentumsanspruch sicherzustellen.

In den meisten anderen Kulturen stellt sich die Frage nach Freiheit oder Sicherheit nicht. So nehmen in Ländern mit hohen Kriminalitätsraten viele Menschen einen Käfig als Zuhause in Kauf, um sich tatsächlich oder vermeintlich zu schützen. Es ist keine Frage der Identität oder Kultur, sondern des Wohlstands, des Vertrauens in die eigenen Institutionen. Es reduziert sich am Ende auf die Frage, wie gut ein Staat funktioniert. Muss ich umringt von Mauern leben, ohne Angst zu haben, ausgeraubt zu werden, fühle ich mich zutiefst bedroht. Bedroht, in meinem Recht nach Freiheit.

In der Schweiz sind die Mauern tief. Das darf man auch mal wieder schätzen.

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1 Comment

  1. Cyrill Pürro Reply

    Ein sehr interessanter Text. Spannend, mal von einer anderen Seite Zentralamerikas zu hören.

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