Das Werk mit dem Namen Brigitta, das erstmals 1843 erschien, mag mit seinen 65 Seiten zuerst vielleicht so wirken wie der Titel: nämlich einfach und simpel. Doch das Buch von Adalbert Stifter ist alles andere als das. Der deutsche Autor vermochte es auf ein paar kurzen Seiten, eine Geschichte niederzuschreiben, die berührt und die mich beinahe Seelentränen weinen liess.

Ausschnitt aus dem Buch

„In dem Angesicht eines Hässlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der Stelle von seinem Werte herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, dass sie die grösste Schönheit besitzen.“

Über die Geschichte

Der Ich-Erzähler, ein einsamer Wanderer, lernt man nie beim Namen kennen, allgemein erfährt man wenig über den eher stillen Beobachter. Nachdem der reisende Deutsche, durch dessen Augen wir die Geschichte lesen, einen ungarischen Major am Vesuv kennengelernt hat, wird er von diesem zu sich auf seinen Gutshof eingeladen. Im Major sehen viele einen vorbildlichen Mann: Er weiss, wie er mit seinen Worten und seinem Personal umzugehen hat, er widmet sich den Wissenschaften und setzt fortschrittliche Reformen in der Landwirtschaft durch. Obwohl er jede hätte haben können, wollte und will er stets nur eine: Brigitta.
Bereits als Kind in Äusserlichkeiten so abstossend, dass gar die Mutter sie nicht will, verbringt sie viel Zeit mit sich alleine und damit, Bücher zu lesen und Landkarten zu studieren. Ungeliebt erlebt sie ihre Jugend, bis sie auf Stephan Murai trifft, „der, der Einzige war, der darnach fragte, ob ich (Brigitta) auch ein Herz habe.“ Das junge Paar ist glücklich, ihm wird sogar ein gesunder Sohn beschert, doch nicht allzu lange hält das Glück und Brigitta „zerdrückt ihr schreiendes Herz.“

Die Erzählung, die sich zum grössten Teil in der ungarischen Steppe abspielt, wird bildlich, ja beinahe poetisch geschildert. Man liest von einer speziellen Freundschaft –  vielleicht der reinsten Art der Liebe – die scheinbar verloren geht und dann doch wieder gefunden wird. Es geht um Vergebung und darum, dass das nur die allerschönsten Seelen können. Doch  nicht nur das: Mit seiner wilden, auf eigenen Beinen stehenden Protagonistin schafft Adalbert Stifter eine Figur, zu der jeder hinaufschauen kann und eine, die dem konservativen Rollenbild widerspricht. Murai verkörpert das Bild eines aufgeklärten Gutsherrn.

Immer weiter wird man ins Geschehen hineingezogen, bis man schlussendlich die wahre Identität der Figuren erkennt und die kurze Geschichte, die es in sich hat, auf sich wirken lässt.

Adalbert Stifter: Brigitta. Erschien 1843 erstmals im  Druck. Ca. 5.50 CHF (Reclam)

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