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Levin Stamm

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Ein Israeli und ein Palästinenser unterhalten sich friedlich an einem Tisch, führen ein friedliches Gespräch zusammen. Nicht über Krieg und Konflikte. Nicht über Politik. Ganz einfach über Gott und die Welt. Es scheint unglaubwürdig, beinahe absurd, in dieser Welt des Kriegs und der riesigen Medienpräsenz, dass sich zwei Angehörige tief verfeindeter Staaten einfach nur zuhören, ohne sich dabei in die Haare zu geraten. Es ist das Konzept einer ganz speziellen Organisation, dass sich nicht weniger als den Weltfrieden zum Ziel gesetzt hat. Frieden durch Bildung, Frieden durch Erfahrung. Es ist das Motto der „United World Colleges“.

9000 Schüler aus über 180 Nationen

Das UWC-Konzept hat seinen Ursprung in den 1960er-Jahren und stammt vom deutschen Politiker und Pädagogen Kurt Hahn. Hahn, Sohn jüdischer Grossindustriellen, flüchtet während des Jochs Adolf Hitlers nach England, wo er entscheidende Teile zur Theorie der Erlebnispädagogik beisteuert. Nach dem Krieg hält er am „NATO Defense College“ in Rom einen Vortrag und ist fasziniert von der Zusammenarbeit und dem positiven Willen von Menschen, deren Länder kurz zuvor noch verfeindet waren. In den folgenden Jahren hat Hahn die Idee, junge Menschen aus aller Welt zusammenzubringen, um damit die Völkerverständigung zu fördern. Das erste UWC wird 1962 in Wales eröffnet, die ersten Abgänge sind dabei rein männlich, Mädchen werden erst ab 1967 zugelassen.
Heute sind die Dimensionen in allen Belangen grösser. Innert 50 Jahren ist die Zahl der Studenten auf 9’000 angestiegen (60% davon weiblich), verteilt auf 17 Colleges, unter anderem in Indien, Japan, Swasiland, Norwegen oder Kanada. Jedes College hat dabei seine ganz eigenen Charakteristika. In Mostar, Bosnien und Herzegowina zum Beispiel lernen die Schüler inmitten eines ehemaligen Bürgerkriegsgebiets. Beherbergt werden Schüler aus über 180 Nationen.

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Auch die Schweiz hat ihr eigenes Komitee. Jedes Jahr werden Gymnasiasten aus allen Teilen der Schweiz an ein UWC geschickt. Der Bildungsgang entspricht dabei den letzten zwei Jahren des gymnasialen Lehrganges und gilt als sehr anspruchsvoll. Das „International Baccalaureate“, kurz IB, galt früher wegen seines internationalen Charakters als Ausbildung für Diplomatenkinder, hat sich in der Zwischenzeit zu einem weltweit anerkannten Schulabschluss gemausert, der insbesondere den Einstieg in amerikanische Topuniversitäten wie die Ivy Leagueum ein Vielfaches erleichtert.

Lust auf eine Matura in einem internationalen Umfeld? Bewerbungen für den Jahrgang 2019-2021 sind noch bis am 30. November möglich. Mehr Informationen unter: http://www.uwc.ch

Gross war die internationale Aufregung, als das kubanische Parlament am Sonntag in Havanna die Verfassungsreform guthiess. Mit einem Schlag wurde die kubanische Identität, die die Geschichte des Landes und das Leben der Menschen während den letzten 60 Jahren geprägt hatte, aus der kubanischen Verfassung gestrichen. Das Ziel der „Schaffung einer kommunistischen Gesellschaft“ ist im Artikel fünf nicht mehr zu finden.

Privatbesitz wird legalisiert

Doch was bedeutet diese Verfassungsänderung wirklich? Am meisten zugutekommt sie dem privaten Sektor, der vom Staat von nun an nicht mehr nur geduldet, sondern sogar geschützt wird. Dass das ein logischer, zeitgemässer Schritt ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Beinahe 600’000 der 11 Millionen Einwohner sind heute bereits in der Privatwirtschaft tätig und machen damit 13 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung aus. Dank der Heraushebung dieser Menschen aus der rechtlichen Grauzone dürfte das Land in den folgenden Jahren einen wahren Wirtschaftsboom erleben. Plötzlich können ausländische Investoren ihr Geld auf der Karibikinsel anlegen und der bereits boomende Tourismus, der für Kubas Wirtschaft immer wichtiger wird, wird in den kommenden Jahren wohl noch mehr an Bedeutung gewinnen. Es ist ein Ausverkauf der kubanischen Identität und Seele. Doch für ein besseres Leben nehmen das die meisten gerne in Kauf.

Der Privatbesitz ist vom Staat nun offiziell anerkannt. Ein Bruch mit einem der wichtigsten Eckpfeiler der marxistischen Lehre. Da helfen auch Beschwichtigungen von staatlicher Seite nicht. Das kubanische sozialistische Modell solle erhalten bleiben, sagte der Sekretär des Staatsrats Homero Acosta. Auch weiterhin solle die Staatswirtschaft die bestimmende Kraft im nationalen Markt sein. Wie realistisch das ist, wird sich in den nächsten Jahren weisen.

Nicht gerüttelt wird dagegen am Einparteiensystem. Von freien Wahlen und Demokratie ist das Land noch immer weit entfernt, die kommunistische Partei wird auch in Zukunft klar das Sagen haben. Eingeschränkt wird einzig die Macht des Präsidenten. Die Reform sieht künftig eine Machtteilung zwischen dem Regierungschef und dem Staatspräsidenten vor. Damit werden diktatorisch anmutende Herrschaften wie die der Castro-Brüder in Zukunft nicht mehr möglich sein. Neu wird dafür wieder das Amt des Ministerpräsidenten eingeführt. Zusätzlich wird die maximale Amtszeit eines Präsidenten auf zwei fünfjährige Legislaturperioden beschränkt. Demokratie wird es in Kuba also auch in Zukunft nicht geben, die Macht der kommunistischen Partei wird jedoch in deutlich mehr Händen liegen.

Homo-Ehe wird möglich

Auch gesellschaftspolitisch ändert sich mit der Verfassungsänderung etwas im Land. Im Artikel 68 wird die Ehe neu als „freiwillig geschlossener Bund zwischen zwei Personen definiert“. Damit steht einer Homo-Ehe nichts mehr im Weg. Überraschend, dass sich im politischen Dialog, der sich in den vergangenen Tagen im Inselstaat entfacht hat, ein solches Thema am intensivsten diskutiert wird. Es ist die LGBT-Community, die hier ihre Chance erblickt hat und nun mit vollem Tatendrang und der Unterstützung von Castro-Tochter Mariela auf ihre neuen Rechte pocht. Neben der Homo-Ehe stehen auch Adoption und künstliche Befruchtung für homosexuelle Paare auf der Traktandenliste. Heftiger Widerstand kommt dagegen aus dem Lager der evangelikalen Kirche, die mit aller Kraft versucht, die gesellschaftliche Liberalisierung zu verhindern.

Diese Diskussion, sie ist symptomatisch für das politische Tagesgeschehen auf Kuba. Während man sich mit den kleinen strukturellen und wirtschaftlichen Öffnungen der kommunistischen Partei bereits zufriedengibt, entfachen gesellschaftliche Fragen, welche die Macht der herrschenden Hand nicht infrage Stellen, eine weit grössere Resonanz. Die Machtpolitik des Landes bleibt festgefahren. Und ob sich das Leben der Menschen nach jahrzehntelanger Armut und Misswirtschaft nun endlich verbessern wird, steht in den Sternen.

Sie kommen ausgerüstet mit Profikamera, mehreren Ersatzobjektiven, manchmal sogar mit Stativ. Die Haut ist leicht gerötet von der ungewohnten Sonneneinstrahlung. Ein Duft aus Sonnencreme und Schweiss liegt in der Luft, während sie sich unbeirrt den Weg freistapfen. Ein Bild hier, eines da. Kein Motiv ist zu belanglos, keine Menschenmasse zu gross. Dann geht es wieder in den Bus, zur nächsten Destination. Der Tourist ist da! Typischerweise aus Grossbritannien, Deutschland oder China. So zahlreich, so zahlungskräftig, so wichtig für die Wirtschaft wie nie zuvor. Der Massentourismus nimmt Sommer für Sommer absurdere Formen an. Am meisten betroffen sind die typischen Feriendestinationen wie Barcelona, Paris oder Venedig. Ihre Infrastruktur ächzt unter den Massen immer mehr.

„Disneylandisierung“

Das Problem ist schnell bestimmt. Aufgrund des ungebremsten Zustroms der Touristen schiessen die Preise in die Höhe. Da wäre zum einen das Problem mit den Mieten. Durch das Aufkommen von Angeboten wie Airbnb. Auf den ersten Blick ein innovatives Konzept, nur leider in einer rechtlichen Grauzone. Denn die Vermieter zahlen weder Steuern, noch andere Abgaben an den Staat. Zudem werden durch solche Angebote in beliebten Quartieren der Touristenstädte die Mieten in die Höhe getrieben und so für viele Einheimische unbezahlbar. 32 Millionen Touristen verzeichnet alleine Barcelona pro Jahr. Ehemals eine heruntergekommene Arbeiterstadt explodierten die Touristenzahlen nach den Olympischen Sommerspielen 1992. Nun droht die Stadt an ihnen zu ersticken. Die Lebensqualität der Einheimischen nimmt stetig ab, viele flüchten während den Sommermonaten, um den Menschenmassen zu entkommen.

Ein anderes, krasseres Beispiel ist Venedig. Die italienische Lagunenstadt war in den sechziger Jahren eine florierende Handelsstadt mit 150’000 Einwohnern. Seither befindet sie sich auf dem absteigenden Ast. Das historische Zentrum mit den Kanälen ist längst zum Freiluftmuseum mutiert, der Exodus setzte ein, heute zählt die Altstadt gerade einmal 50’000 Einwohner. Damit kommen auf einen Bewohner jährlich 600 Touristen. Ein Grossteil der Touristen wird von den unzähligen Kreuzfahrtschiffen angeschwemmt, die täglich im Hafen anlegen und mit ihren Tagesgästen kaum Geld in der Stadt lassen. Busreisen stehen ebenfalls hoch im Trend und finden vor allem bei Reisegruppen aus China Anklang. Zwanzig europäische Städte in zehn Tagen stehen meist auf dem Programm und haben mit typischen Reisen nicht mehr viel am Hut. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Der asiatische Markt steht erst am Anfang und hat laut Experten ein enormes Expansionspotenzial.

Das Geld fliesst am Staat vorbei.

Der Tourismus hat sich in vielen Metropolen zum Haupteinnahmezweig entwickelt. Trotzdem fliesst ein Grossteil des Geldes am Staat vorbei. Der Grund: Mitte der neunziger Jahre rief der damalige Bürgermeister Massimo Cacciari zur Privatisierung der Stadt auf. In der Zwischenzeit hat sich die Stadt selbst verkauft. Kaum ein Gebäude ist noch in städtischen Besitz, meist sind es grosse Unternehmen, die die Gebäude reihenweise aufkaufen. Das führt dazu, dass das Geld nicht zurück in die Stadt fliesst, bzw. der Bevölkerung zugutekommt.

In Spanien, Europas Feriendestination Nummer 1, sind 13 Prozent der Beschäftigten in der Tourismusbranche tätig. Das ist gefährlich. Der Tourismus gilt als fragiler Sektor, der leicht durch äussere Umstände beeinflusst wird. Als Beispiel eignet sich Tunesien, wo die Touristen seit einigen Jahren, aufgrund der politisch unsicheren Lage im Lande, fast gänzlich ausbleiben und damit Tausende von Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen. Die Politik sollte es sich daher gut überlegen, wie viel Gewicht man dem Tourismus in der nationalen Wirtschaft geben will.

Die Bevölkerung wehrt sich.

Gegen den ungebremsten Zustrom regt sich nun zum ersten Mal Widerstand. In Barcelona wurden bereits erste Bürgerinitiativen gegen den Massentourismus gegründet. Die linke Jugendorganisation „Arran“ griff inmitten der Hochsaison einen Bus voller Touristen an. Es blieb jedoch bei aufgeschlitzten Reifen und versprühten Windschutzscheiben. Auch in Venedig und auf Mallorca gehen die Menschen auf die Strasse, um „gegen den Ausverkauf“ zu protestieren.

Freundlich sind sie mit fremden Touristen längst nicht mehr. Die immer absurder werdenden Touristenzahlen sollten uns zu denken geben. Denn nur ein nachhaltiger Tourismus schafft Gewinner auf beiden Seiten. Momentan scheint dies nur mit staatlichen Regulierungen möglich zu sein. Ob diese durchkommen werden, ist jedoch mehr als fraglich.