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Alexandra Birrer

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Wir alle kennen das Klischee: Als Schweizer werden wir von den Bürgern anderer Nationen als besonders aufgeräumt, fleissig, aber auch eher zurückhaltend beschrieben. Gründe dafür gibt es etliche und vollkommen weit hergeholt sind diese Beschreibungen schliesslich gar nicht. Was mich jedoch letztens überrascht hat, ist das Ausmass, welches unsere Zurückhaltung manchmal annimmt.

Das schöne Wochenende steht bevor und das erste, was am Samstagmorgen deswegen getan wird, ist ausschlafen. Zumindest, bis mich ein entsetzlicher Wadenkrampf aus den Träumen und zurück in die harte Realität reisst. Das unangenehme Gefühl in einem meiner Beine ist so penetrant, dass es erst scheint, als könnte ich es nie mehr loswerden. Und selbst, wenn dies nach unangenehmem Dehnen geschafft ist, so ist ans Einschlafen nicht mehr zu denken. Aber warum habe ich in erster Linie überhaupt diese gelegentlichen Wadenkrämpfe?

Der Geruch von Trockeneis in der Nase, der eigene Pulsschlag kontrolliert durch den Bass, der durch Mark und Bein geht, und langsam aber sicher schmerzen die Füsse. Als die letzte Runde an der Bar ausgerufen wurde, war ich nicht enttäuscht, sondern froh, da mein Abend schon um einiges früher begann als der der Gäste. Klar ist, ich befinde mich in einem Club an einer Party. Jedoch nicht, um ausgelassen zu feiern.

Was ich denn da am Auge gemacht habe, fragen mich alle, die mich mit meinem Augenverband in der letzten Zeit gesehen haben. Eine Mischung aus Fahrradfahren, Pech und einem winzig kleinen Metallstückchen, das in meinem Auge stecken blieb, antworte ich.  Eigentlich ziemlich unspektakulär. Vor allem im Vergleich zu dem, was passiert ist, bevor wirklich der Augenverband meine eine Gesichtshälfte zu zieren begann.

Zwei Jahre ist es her, dass ich für eine Lyrikrecherche im Internet den Begriff Synästhesie entdeckt habe. Meine erste Assoziation war das Krankenhaus, da für mich Synästhesie wie Anästhesie klang. Doch sobald ich mich ins Thema eingelesen habe merkte ich, dass hier nicht um eine Krankheit geht.

Was ist Synästhesie?

Einfach erklärt ist Synästhesie eine Wahrnehmungskopplung, also das Verbinden von verschiedenen Sinnen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Beispielweise nimmt ein Synästhet Töne zusammen mit Farben wahr, dies wird auch Farbhören genannt. Es können aber auch Zahlen mit Farben verbunden werden. So ist zum Beispiel die Zahl 4 in der Wahrnehmung eines Synästheten immer mit der Farbe Gelb verbunden. Dasselbe gilt übrigens auch für die Buchstaben des Alphabets.

Doch Synästhesie muss nicht immer mit Farben zu tun haben. Bei der Wort-Geschmacks-(oder auch Geruchs-)Synästhesie lösen bestimmte Wörter oder auch Namen einen Geschmack oder auch einen Geruch aus. So riecht zum Beispiel Hans nach Pfefferminze oder der Begriff Taschenrechner wird mit Zitronenduft assoziiert.

Synästhesien die mit Farben, Formen oder Gerüchen zusammenhängen, werden oft in der Lyrik, also der Dichtkunst, verwendet. Es ist ein Stilmittel, mit welchem man gewisse Dinge noch viel genauer beschreiben kann, als nur mit einer einzigen Sinneswahrnehmung. Ein Beispiel dafür wäre eine Strophe des von Clemens Brentano geschriebenen Gedichtes „Abendständchen“. Die Strophe lautet: „Golden weh’n die Töne nieder“. Dort haben wir eine farbliche Beschreibung, die Empfindung des Windes und Töne, die aber auch gleichzeitig eine Visuelle Wahrnehmung sein könnten.

Ich bin Synästhet

All das, was ich bis hierher geschrieben habe, habe ich von anderen gehört, gelesen oder nur ganz schwach selbst wahrgenommen. Doch es gibt noch weitere Arten von Synästhesie. Aus erster Hand kann ich von der Sequenz-Raum-Synästhesie berichten, die, seit ich denken kann meine Denkweise beeinflusst.

Was spielt sich also in meinem Kopf ab? Es ist schwierig zu erklären, doch ich beschreibe es wie einen Weg den ich gehe. Denke ich an die Wochentage, die Monate und an das Jahr, dann gehe ich einen Weg. Und egal welches Datum mir genannt wird, ich verbinde es immer mit einem bestimmten Ort auf meinem Weg durchs Jahr. Der Weg der Woche ist um einiges kleiner und er ist sich vorzustellen, wie eine Ellipse, also ist es eigentlich ein Kreislauf. Auch zahlen sehe ich auf einem Weg. Es geht runter und rauf, nach rechts oder links und wenn ich versuche es aufzuzeichnen, kommt ein ziemlich seltsames Gewirr aus Strichen dabei raus. Mein Zahlenweg ist dreidimensional. Deswegen wird die Synästhesie, die ich habe auch Sequenz-Raum-Synästhesie genannt, oder auf Englisch Time-Space-Synesthesia.

Bevor ich wusste, dass es so etwas wie Synästhesie gibt, ging ich einfach davon aus, dass es bei jedem im Kopf etwa gleich aussieht, doch beschreibt man jemandem, der kein Synästhet ist, diese Wege oder Wahrnehmungen, sieht er einen meistens an, als sei man nicht ganz dicht. Dabei ist Synästhesie keine Form einer Krankheit und auch kein Symptom dafür.

Ist es nicht spannend sich zu überlegen, wie andere Denken, oder wie etwas im Kopf eines anderen aussieht, das in der eigenen Wahrnehmung ganz anders scheint?

Jetzt ist deine Meinung gefragt! Wusstest du schon vorher, was Synästhesie ist oder bist du vielleicht sogar auch selbst Synästhet? Und was haltest du von dieser Wahrnehmungskopplung? Schreib doch einen Kommentar!

Nach über 5 Stunden in einem Intercity-Express hielt letzte Woche mein Zug um 16:00 Uhr endlich an meiner Zieldestination an: Warschau. Als ich mich zuvor am Tag in Frankfurt oder in den Zug gesetzt habe, erwartete ich nicht, was mich nun hier willkommen hiess. Ich hatte mir die Polnische Hauptstadt anders vorgestellt. Wie genau kann ich nicht sagen, jetzt wo ich ein klares Bild davon habe. Doch der Anblick des Kulturpalasts, den ich praktisch als erstes gesehen habe, nachdem ich den Bahnhof verlassen hatte, überwältige mich erstmal. Natürlich kennt man das eindrückliche Gebäude von Fotografien, doch in Echt wirkt es dann doch noch um einiges grösser und auch etwas einschüchternder.

 

Doch kaum drehte ich meinen Kopf etwas, war Warschau für mich nicht mehr nur der Ort mit dem grossen, älter aussehenden Turm, sondern auch eine sehr kontrastreiche Stadt. Gleich am Bahnhof befindet sich nämlich auch ein grosses Einkaufszentrum in einem komplett anderen, sehr modernen, Baustil. Dieser verfolgt einem, wenn man der Strasse, an der das Einkaufszentrum steht, folgt. Das war es auch, was ich erstmal tat, um das Hostel zu suchen.

Diese Suche stellte sich aber nach einiger Zeit als, wortwörtlich, 180 Grad falsch heraus. Und obwohl es ärgerlich war, so hatte ich in dieser guten halben Stunde schon mehr von Warschau entdeckt, als ich es sonst gekonnt hätte. Denn dies war mein einziger, wenn auch nicht ganz freiwilliger, Abstecher in diesen Teil der Stadt.

Schlussendlich kam ich dann aber doch noch dazu, den Koffer im Hostel, welches dann doch an einem etwas anderen Ort als erwartet war, zu deponieren. Von dort dann zurück ins Zentrum stellte sich schon als etwas weniger schwierig dar. Und auch wenn ich nur eine sehr kurze Zeit in der polnischen Hauptstadt verbracht habe, so bin ich diesen Weg noch einige Male mehr gelaufen, sodass es mir vorkam, als wäre ich schon viel länger hier.

 

Das Abendessen war nicht typisch polnisch, dafür typisch touristisch, denn schlussendlich wurde, nach einer kleinen abendlichen Erkundungstour, das Warschauer Hard Rock Cafe aufgesucht. Und auf einen lustigen Abend in diesem folgte ein schöner, nächtlicher Spaziergang durch Warschau, das abends so wenig schlief wie tagsüber. Vor allem auch, weil die Läden in Polen zum Teil bis 22 Uhr geöffnet haben. Doch an eine Einkaufstour war um diese Zeit nicht mehr zu denken, denn das Bett rief nach mir, da es morgen schliesslich schonwieder weiterging.

 

Wie der typische Pole frühstückte, wäre sicher eine interessante Erfahrung gewesen, allerdings blieb etwas zu wenig Zeit um sich darüber schlau zu machen. Auf meinem Frühstücksteller landete also in den Morgenstunden nichts Geringeres als ein grosses Schokoladen-Cupcake, der natürlich sofort mit Snapchat festgehalten werden musste.

 

Vom fröhlichen Cupcakeladen ging es weiter in eine weniger heitere Region. Der Besuch des jüdischen historischen Instituts stand an. Dieses steht heute an einem Ort, wo zu Zeiten des Warschauer Ghettos die grosse Synagoge stand, die beim Aufstand im Ghetto allerdings zerstört wurde. In diesem Institut befinden sich grosse Mengen an Wissen, doch das war auch schon früher der Fall. Die jüdische Untergrundorganisation Oneg Shabbat nutzte diesen Ort früher als Hauptsitz, um ihr grosses Ziel zu erfüllen: das Leben im Ghetto für die Nachwelt zu dokumentieren. Und bei all dem, was wir heute über diese schreckliche Geschichte wissen, ist es Oneg Shabbat gelungen, die Informationen zu überliefern, selbst wenn es nach dem Ghetto nur drei Überlebende der Organisation gab.

Polnische Stärkung

Mittags stand dann doch noch der Besuch eines polnischen Restaurants an, schliesslich sind Burger und Cupcakes bei weitem nicht alles, was Polen an Essen zu bieten hat. Beispielweise ist Polen bekannt für seine Pierogi, das sind gefüllte Teigtaschen in verschiedenen Variationen. So verschieden, dass auf der Speisekarte eine ganze Doppelseite nur solche anpries.

Nach dieser Stärkung stand noch eine weitere Etappe des Stadtentdeckens an. Unter anderem kam ich am berühmten Nikolaus Kopernikus Denkmal vorbei. Erst fiel mir nur die Statue des Astronoms an sich ins Auge, bis mir auffiel, dass sich auf dem Platz darum, die Umlaufbahnen der verschiedenen Planeten zu finden waren. Aber Achtung, Kopernikus war der Begründer des Geozentrischen Weltbildes. Und wie wir bestimmt noch alle aus der Schule wissen, kannte dieses nur die Planeten bis zum Saturn, weswegen auch dieser und dessen Umlaufbahn den Rand des Platzes markierten.

 

Erinnerungsfotos von vielen anderen Bauwerken befinden sich ebenfalls auf meinem Handy, denn meine Devise war, einfach draufloslaufen und entdecken. Etwas, das ich sonst bei Städtereisen eher selten mache, da immer praktisch klar ist, was man unbedingt sehen sollte. Doch gegen Ende des Nachmittags war es vorbei mit dem „einfach herumlaufen“, denn ich trat zum zweitletzten Mal den Weg an, der mir schon nach einigen Malen so vertraut vorkam. Vom Zentrum zum Hostel. Und von dort dann nochmal zurück, da sich auch mitten im Zentrum der Hauptbahnhof von Warschau befindet.

Ein letzter Blick zurück

Und plötzlich hiess es Abschied nehmen, nachdem ich doch eigentlich nur einen Tag in dieser eindrücklichen Stadt verbracht habe. Doch mein letzter Blick auf die Stadt war derselbe wie mein erster. Vor der Rolltreppe, die in den Bahnhof führte, hatte ich nur Augen für den Kulturpalast, von dem ich mich schweren Herzens verabschieden musste. Allerdings wartete der nächste Intercity-Zug nicht, also blieb mir nichts Anderes übrig, als mit dem Versprechen an mich selbst, wieder herzukommen, die Rolltreppe nach unten zu nehmen.

Der Persönlichkeitstest hat entschieden: „Du bist ambivertiert!“, sprechen die grossen schwarzen Lettern zu mir, nachdem ich einige Fragen beantwortet und gespannt auf ein Resultat gewartet habe. Laut der Beschreibung auf der Webseite gehöre ich zu den Menschen, die weder klar extrovertiert noch klar introvertiert sind. Ich bewege mich also im Mittelfeld. Doch sind wir ehrlich, das tut doch jeder irgendwie.