Wir Schweizer sind ja nicht gerade dafür bekannt besonders offene und gegenüber Fremden gesprächige Leute zu sein, doch kaum ist man auf einem Skilift, scheint dieses „Naturgesetz“ ausgehebelt zu sein. Nirgends sonst ist man mit wildfremden Leuten auf einem so engen Raum und nirgends sonst ergibt sich so schnell eine Unterhaltung mit seinem Nebenan als auf einem Skilift. Ein Phänomen, das zu vielen interessanten und teilweise skurrilen Gesprächen führen kann.

Die Grossmutter mit den 10 Enkeln und dem schlimmen Rücken

Auf dem 3er-Sessel sitzt zwischen mir und einer Freundin eine ältere Dame. Auf ihren Knien sitzt ein kleiner schneeweisser Terrier, der trotz seines rot-grün-karrierten unglaublich stylischen Hundemantel vor Kälte zittert. Die Dame stand beim Aufsteigen auf den Skilift wie aus dem Nichts plötzlich zwischen uns, mit ihren eigentlich viel zu eleganten Schuhen um darin im Schnee wandern zu gehen und den gefühlt zehn übereinander getragenen Ponchos. Kaum haben unsere Skier und ihre Schuhe den Boden verlassen, beginnt sie mit einem tiefen Seufzer zu reden. „Ich fahre halt schon lange nicht mehr Ski. Ja, ja, das waren noch Zeiten,  aber der Rücken, der ist halt mittlerweile schon schlimm geworden.“

Anfangs bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie uns ihr Leiden klagt oder dem kleinen zitternden Hund auf ihrem Schoss, doch plötzlich dreht sie sich zu meiner Freundin um und sagt: „Ich finde das toll, dass ihr jungen Dinger (hat sie tatsächlich so gesagt) so sportlich seid und Skifahren geht.“ An mich gewandt fährt sie fort: „Ich bin ja auch immer wahnsinnig gern Ski gefahren, ich war sogar mal im Ski-Club, doch mittlerweile könnte ich wohl nicht mal mehr die Skischuhe anziehen, also geh ich jetzt halt nur noch im Schnee spazieren.“ Dann an uns beide: „Seid bloss froh, dass ihr noch einen gesunden Rücken habt, das ist Gold wert. Gäll Hermann.“ (Anscheinend hiess dieser arme Hund Hermann)

„Wisst ihr, meine zehn Enkelkinder (an der Stelle zählte sie die Namen aller Enkel dem Alter nach auf) bringt man im Winter einfach nicht aus dem Haus! Die sind immer nur zu Hause vor dem Computer oder hängen (dieses Wort betonte sie wie nur alte Leute es können) mit ihren Kollegen irgendwo rum. Ich finde es also wirklich super, dass ihr zwei jungen hübschen Frauen nach draussen geht und Ski fahrt. Wirklich ganz toll.“

Bis auf ein scheues „Mhm“ fällt uns keine geistreiche Reaktion auf diese Erzählung ein und da die Dame nach den Ausführungen über ihre Enkelkinder auch nichts mehr sagt, fahren wir drei den Rest der Strecke schweigend den Berg hinauf. Oben angekommen wird unser Sessel etwas langsamer, damit die Dame, die ja zu Fuss unterwegs ist, aussteigen kann und mit einem „Komm Hermann!“ verabschiedet sie sich von uns.

Der nervöse Rennfahrer

Wenn man zu dritt Skifahren geht, sieht man sich gezwungen sich auf dem Bügellift aufteilen zu müssen. Wenn man Glück hat, ist man als Dritter dann alleine an einem Bügel oder man hat grosses Pech und hinter einem steht eine Skischulklasse in der Schlange. „Kann er mit Ihnen mitkommen?“ fragt die Skilehrerin und weil man ja nicht unhöflich sein will, sagt man natürlich ja. Sie gibt dem kleinen Jungen einen leichten Schupf in den Rücken und ehe ich mich versehe bin ich mit dem Dreikäsehoch neben mir und dem Bügel etwa auf Höhe der Kniekehle auf dem Weg nach Oben.

„Tief durchatmen Tobias.“, murmelt der Junge auf einmal zu sich selbst. Er klammert sich am Bügel fest und fährt solche Schlangenlinien, dass ich die grösste Mühe habe nicht umzufallen. „Alles gut bei dir?“ frage ich den Jungen, der anscheinend Tobias heisst, mehr aus Neugierde als aus Sorge. „Weisst du,“ sagt er mit einer sehr wichtigen Stimme, „wir haben jetzt dann Skirennen! Aber ich bin so nervös! Der Lukas ist nämlich viel schneller als ich, aber Mami hat mir versprochen, dass wir nachher Pommes Frites essen gehen, wenn ich gewinne.“

Natürlich, es ist Freitag, der Tag der Skischulrennen. Sind wir nicht alle schon Mal mit einer viel zu grossen Startnummer einen Hügel runtergefahren, haben dabei drei Tore verpasst und uns trotzdem wie Profis gefühlt? Leicht irritiert wegen den in meinen Augen etwas fragwürdigen Erziehungsmethoden dieser Mutter versuche ich den kleinen Rennfahrer zu beruhigen, indem ich ihm versichere, dass seine Skier heute bestimmt besonders schnell fahren und er darum ganz sicher schneller als dieser Lukas ist. „Aber wenn ich umfalle? Ich fahre nämlich nicht so gerne schnell… Dann falle ich immer um.“ Schwierige Voraussetzungen um ein Rennen zu gewinnen, denke ich, sage es aber natürlich nicht.

„Heute fällst du bestimmt nicht um, die Rennfahrer im Fernseher fallen ja auch nie um und die fahren noch viel schneller als du.“ Dass dieses Argument frei von jeglicher Logik ist und zu allem dazu auch noch falsch, scheint Tobias nicht zu stören, denn auf einmal scheint er völlig von seinem eigenen Sieg überzeugt zu sein. „Stimmt! Ich fahre heute so schnell wie der Cuche und dann gewinne ich.“ „Genau.“, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Du musst dann zur Siegerehrung kommen! Dann zeige ich dir dann meine Goldmedalie!“, sagt er ganz aufgeregt.  „Wann ist denn die Siegerehrung?“, frage ich. „Ja nachem Renne dänk!“, sagt Tobias völlig entrüstet und trotzdem dass wir beide unsere Skibrillen aufhaben, kann ich beinahe sehen, wie er dabei die Augen verdreht. „Ah ja, logisch.“, beschwichtige ich ihn.

Oben angekommen verabschiede ich mich mit einem „Viel Glück!“ von dem kleinen Rennfahrer. Ob er tatsächlich gewonnen hat, habe ich nie mitbekommen, doch etwas später am gleichen Tag sah ich ihn noch einmal von weitem. Er war halb in einen Schneehaufen eingegraben und etwa drei Meter von ihm enfernt lag einer seiner knallroten Skier. Wahrscheinlich war er doch noch nicht so gut wie Cuche…

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